Nach acht Monaten in Down Under ist es jetzt tatsächlich so weit. Wir sind in Cairns. Endstation. Den halben Kontinent haben wir bereist und können es fast nicht glauben, dass wir mit Cairns den letzten australischen Ort für eine gewiss sehr lange Zeit sehen werden. Einen von so vielen wundervollen Orten. Wir waren in großen Städten wie Sydney und Melbourne, am Uluru, dem Wahrzeichen der Aboriginies, wir standen auf unseren Surfbrettern an den schönsten Stränden Australiens und setzten sogar auf die ein oder andere Insel über. Ein Reiseziel topt das Andere, und doch ist uns seit dieser Woche klar: Es gibt eine Sache auf dem roten Kontinent, die MUSS man gemacht haben.
Es heißt ja bekanntlich: Das Beste kommt zum Schluss. Während sich der Eine beim Essen den leckersten Bissen für den letzten Gabelstich aufhebt, folgen wir demselben Prinzip auf unserer Reise. Und wahrhaftig wartete in Cairns ein gewaltiger „Leckerbissen“ nur noch darauf, von uns verschlungen zu werden. Die Rede ist vom größten Lebewesen der Welt, dem „Great Barrier Reef“.
Entlang der Ostküste haben wir ja schon Bekanntschaft mit dem Reef, einem der sieben Naturweltwunder gemacht. Mit Brille und Schnorchel konnten wir vor einigen Wochen einige Ausläufer des Großen Reefs bestaunen, aber „einfach nur Schnorcheln“ wird dem großem „Leckerbissen“ für den Schluss dann doch nicht gerecht. Also gehen wir noch einmal in die Vollen. Endspurt!
Teil 1: Im Pool mit dem Ninja-Meister!
Für schlappe 850 Dollar wartet in Cairns ein fünftägiger Tauchkurs auf uns. Zwei Tage Pool und drei Tage Reef klingen so verlockend, dass wir fast schon spontan direkt am ersten Tag, einer Buchung nicht mehr wiederstehen können. Der erste Blick auf das Konto danach ist zwar etwas ernüchternd, doch nach den fünf Tagen ist uns mittlerweile klar: Jeder Cent hat sich gelohnt.
Bei strahlendem Sonnenschein geht es also schon wenige Tage später los zum „Pro Dive Center“. Unsere hohen Erwartungen werden allerdings erst einmal gedämpft als klar wird, dass wir die ersten vier Stunden nur im Klassenraum verbringen werden. Aber Theorie muss sein. Und so lernen wir alles über Auftrieb, Druckausgleich und die richtige Ausrüstung. Nach vier Stunden wird unsere Truppe von zwölf Backpackern allerdings so unruhig, dass unser japanischer Ninja-Meister und Dive-Instructor namens Massa beschließt, dass sich das Pooltraining nicht mehr länger hinauszögern lässt. Aus Sicherheitsgründen werden wir alle in „Buddy“ – Teams aufgeteilt mit denen wir das ganze Wochenende über Tauchen werden. Und so machen sich Hauke und Max, sowie ich und mein schwedischer Tauch-Buddy Anton uns daran unsere Ausrüstung fertig zu machen. Gewichte – Check, BCD – Check, Gasflaschen – Check und endlich ab ins Wasser. Bevor es an unsere Sicherheitsübungen geht dürfen wir erst einmal ausprobieren. Also: Kopp unter Wasser und Atmen. Hört sich etwas komisch an, und tatsächlich ist es das auch. Anders als beim Schnorcheln werden wirklich alle Gesetzte der Logik gebrochen und kurzzeitig wollte ich tatsächlich auftauchen, einfach weil ich ja schließlich für gewöhnlich keine Luft mehr haben müsste. Doch nach kurzer Zeit gewöhne ich mich an diesen Sieg über das Wasser und hatte gar keine Lust an die Oberfläche zu kommen als Massa uns zusammen ruft.
Ab jetzt warten mehrere Übungen auf uns. Unter Wasser die Maske leeren, die Luft mit dem Buddy teilen oder unsere „Luftweste“, den BCD, mit exakt so viel Luft zu füllen, dass wir nicht mehr aufsteigen, geschweige denn sinken, sind die ersten Übungen, die wir problemlos meistern. Den ersten drei Übungen folgen acht weitere und den ersten paar Minuten Taucherfahrung folgen drei weitere Stunden die so schnell vorüber ziehen wie ein vorbei fahrender Schnellzug. Mittlerweile ist es fünf Uhr nachmittags und ein kurzes Päuschen lässt uns klar werden, wie anstrengend das Alles war. Der Weg ins Bett ist also kurz, ebenso wie die Nacht.
Um fünf Uhr geht unser Wecker, kurze Zeit später steht das Taxi vor der Tür und bevor wir uns versehen haben sind wir schon wieder in voller Ausrüstung im Pool. In voller Montage fühlen wir uns mittlerweile richtig wohl und wenn ich heute in den Pool springe möchte ich am liebsten wieder meinen BCD haben, um mich entspannt treiben zu lassen. Ninja-Meister Massa war am Vortag auch so zufrieden mit uns, dass wir sogar die komplette Zeit im Pool zum Ausprobieren haben. Nur leider geht auch diese Zeit viel zu schnell um. Beim Mittagessen kommen wir mit den anderen Backpackern ins Gespräch und die Gruppe rückt etwas näher zusammen. Bevor es dann zur theoretischen Abschlussprüfung geht, machen wir aber noch einen Abstecher zum Diveshop. Geschickt eingesetzte Werbepropaganda zwingt uns fast schon hier ein paar Moneten liegen zu lassen zum Preis einer Nagelneuen Tauchmaske. Die Meisten von uns wiederstehen dann aber doch der extrem großen Versuchung und machen sich mit den Leihmasken auf den Weg zur Prüfung. Diese wird ausgeteilt, der Instructor verlässt den Raum, fast keiner mogelt und alle bestehen – welch Überraschung. Aber das Beste ist: Jetzt stechen wir endlich in See!
Teil 2: Findet Nemo!
Blau. Überall nur Blau. Und wenn ich blau sage dann ist es fast schon untertrieben. Das Wasser um uns herum ist so klar und so blau wie wir es zuvor noch nie gesehen haben, als wir am Samstagvormittag das Great Barrier Reef erreichen. Hinter uns liegen drei Stunden raue See die wir, dank Reisepillen, problemlos überstanden haben. Und der gute Herr Carl sogar am souveränsten! Doch daran wird kein Gedanke mehr verschwendet. Viel zu groß ist die Aufregung. Nur noch wenige Minuten trennen uns von unserem ersten Tauchgang. Anton und ich helfen uns eilig in die Westen, ein kurzer Check und Team Schweden ist bereit! Ein kurzer Blick zu den anderen verrät mir, dass diese schon auf uns warten. Und so geht es los. Massa hinterher, Brille festhalten, Atemgerät in den Mund und dann ein Sprung in eine andere Welt.
Was uns hier erwartet ist wirklich anders. Schon beim Abstieg kommen uns zahlreiche bunte Fische entgegen und wir müssen aufpassen, dass wir das Atmen nicht vergessen. Am Grund zeigt uns unser Ninja noch ein paar Sicherheitsübungen und dann geht er los – der Weg durch die Korallen. Alleine das Gefühl 18 Meter unter der Wasseroberfläche zu atmen gibt uns schon einen gewissen Kick, welcher allerdings noch durch die atemberaubende Umgebung gesteigert wird. Gleich beim ersten Tauchgang erwartet uns ein Rochen der gelassen über den Meeresboden gleitet. Aber natürlich halten wir die Augen auch die ganze Zeit auf der Suche nach Bekanntem offen, auf der Suche nach Nemo. Den sehen wir zwar noch nicht, dafür aber die vergessliche Dori die nur kurz vor uns aufgeregt durch eine Koralle schwimmt. Nur ein paar Sekunden haben wir Zeit diesem hibbeligen Fisch beim „einfach schwimmen, schwimmen schwimmen“ zu betrachten, bis Massa uns weiter führt tief ins dunkle Blaue hinein. Bevor wir uns versehen sind wir nur noch auf fünf Meter Tiefe, auf der wir einen Sicherheitsstop von drei Minuten einlegen um jeglichen Taucherkrankheiten vorzubeugen. Voller Euphorie tauchen wir an die Oberfläche. Auf dem Deck herrscht erst einmal großes Getummel. Jeder erzählt jedem was für Fische er alles gesehen hat, wie viel Luft er verbraucht hat, wie tief er gegangen ist und letzten Endes wie überragend der erste Tauchgang unseres Lebens war.
Vom Taucheranzug geht’s in die kurze Hose und von da aus in den Speisesaal. Ein fettes Buffet steht bereit. Genau das Richtige nach einem Tauchgang und so verschlingen die 24 Taucher das Essen innerhalb weniger Minuten. Mit vollen Bäuchen sitzen wir da, in der Stimmung für einen kleinen Mittagsschlaf. Aber dafür haben Scubadiver keine Zeit. Die See ruft. Also auf ein Neues: Equipment an, Maske auf und rein ins Blaue.
Im Grunde kann man unsere Tätigkeiten während der drei Tage sehr schnell zusammen fassen. Tauchen – Essen – Schlafen. Aus dem Wasser geht’s an die Speisetafel von da aus ins Wasser und nach einigen Wiederholungen in die Koje. Lediglich spät abends haben wir noch mit unseren Tauchkollegen auf dem Deck gesessen, ein bisschen geplaudert und dabei auf die tief schwarze See geguckt, in der sich der Vollmond(!) spiegelte.
Insgesamt sprangen wir neun Mal in die Tiefe während der kurzen Zeit. Nach vier Tauchgängen war unsere Lernzeit vorbei und Massa gratulierte uns zu unserer offiziellen Tauchlizenz. Hauke und Max stockten ihre Lizenz für ein paar extra Dollar sogar noch auf, um am nächsten Morgen auf satte 30 Meter zu tauchen. Für mich ging’s nur noch mit meinem „Buddy“ ins Wasser, auf eigene Tour, nur unser Navigationssinn und einen Kompass dabei.
Und jedes Mal war mir klar: Besser kann’s hier unten nicht werden. Aber unsere Tauchlehrer haben sich das Beste für den Schluss aufgehoben. Und so wurde es von Tauchgang zu Tauchgang atemberaubender bis wir schließlich in den letzten beiden Tauchgängen durch eine Korallenlandschaft geschwommen sind, wie man sie sich schöner nicht vorstellen können. Die Korallen in bunten Farben umhüllt von noch farbenfroheren Fischen. Ein unvergessliches Bild. Trompetenfische, eine Muräne, Kugelfische, mehrere Feuerfische und vieles mehr haben wir gesehen. Und sogar der gute Nemo hat sich am Ende noch blicken lassen. Das absolute Highlight eines jeden Tauchgangs war allerdings jemand ganz anderes. Noch ganz zu Anfang tauchen wir gemütlich daher, als plötzlich von der Seite ein leises „Hey Dude“ kommt. Und tatsächlich: Rechts unter uns entspannt eine riesige Schildkröte. Ich kann ehrlich sagen, dass nicht viel das Gefühl übertrumpfen kann mit einer echten Schildkröte zu schwimmen. Wobei „schwimmen“ sogar fast das falsche Wort ist. Es sieht fast so aus als würde dieses majestätische Wesen durchs Wasser „fliegen“, völlig unbeeindruckt von den staunenden Beobachtern, sodass man sogar auf wenige Zentimeter an sie heran kommen kann. Ein unglaubliches Erlebnis, was nicht…naja vielleicht doch. Es kann noch besser kommen.
Samstagnacht als wir eigentlich schon im Bett liegen müssen gibt es noch ein paar außergewöhnliche Pläne. Es ist stockduster. Nur der Mond gibt ein bisschen Licht in die kalte Nacht. Für uns der perfekte Augenblick für einen Tauchgang. Also gehen die Scheinwerfer an und wir machen uns an unsere Ausrüstung. Das grelle Licht gefällt allerdings nicht nur uns in der Nacht. Hunderte Fische kommen ans Boot geschwommen um das bisschen verbleibende Licht zu nutzen. Und hunderte Fische ziehen noch einen anderen Besucher an. Etwas Unruhe am Heck verrät mir, dass er schon eingetroffen ist: Ein Hai kreist zwischen den Fischen auf der Suche nach einem Fang. Gottseidank nur ein kleiner. Aber trotzdem wird mir etwas mulmig als ich am Bootsrand stehe, vor mir pechschwarzes Wasser und links von mir ein Hai auf der Jagd. Einmal tief einatmen und dann – Sprung. Voller Adrenalin geht es durch die Tiefen nur mit einer Taschenlampe als Lichtquelle in der Hand. Beim Tauchen sehen wir nicht viel aber beim Sicherheitsstop unterm Boot treffen wir schnell auf einen Hai. Und nicht nur einer, mindestens zehn Haie kommen immer mal wieder ans Boot geschwommen. Ein paar davon nur im Kleinformat, andere allerdings in erschreckenden Größen. Aber anscheinend nicht groß genug, denn die Haie haben keinerlei Interesse an uns und wir kommen ohne jegliche Bisswunden zurück an Bord! Wahrhaftig ein Abenteuer.
Die drei Tage auf dem Reef in Worte zu fassen sind wahrhaftig eine undankbare Aufgabe. Sachlich kein Problem, der zeitliche Ablauf auf dem Boot blieb ja schließlich überschaubar. Aber sobald dich das Wasser umschlungen hat, beginnt eine neue Welt mit neuer Zeitrechnung für die bisher noch nicht die richtigen Worte erfunden wurden. Viel besser als sämtliche Blogartikel dieser Welt ist also nur eine Reise nach Australien und ein Sprung ins Great Barrier Reef!
















































































































































































